Gaia-X-Clouds am Horizont

Gepostet am 13/10/2021 by sgauges

Cloudprovider.biz unterhielt sich mit Francesco Bonfiglio, dem Leiter der europäischen Gemeinschaftsinitiative Gaia-X, darüber, wie das Projekt den europäischen Cloudmarkt revolutioniert.

Souveränität und Transparenz sind von entscheidender Bedeutung – auch in der Einführungsphase für Technologien – aber wie schaffen wir es von hier aus zu einer europäischen Datenwirtschaft?

Wie beim Übergang vom Mainframe zum Zeitalter der Microservices im Internet verkörpert das europäische Projekt Gaia-X, das derzeit 270 Unternehmen umfasst und rasant wächst, eine horizontal verteilte und skalierbare Cloud. Dies steht im Gegensatz zu den bestehenden Angeboten, die in den Händen weniger globaler Hyperscaler gebündelt werden. „Es ist etwas, das es bisher noch nicht gibt, aber wir werden dahin kommen. Die Entwicklungen laufen bereits. Die Datenökonomie ist mit Ungleichgewichten behaftet, die angegangen und korrigiert werden müssen. Dies liegt im Interesse aller europäischen Länder“, sagt Bonfiglio.

Was die Technologie betrifft, die das Fundament der neuen Gaia-X-Architektur bilden wird, lässt Bonfiglio keinen Zweifel aufkommen: „Keine Ausgrenzungen und keine Überlagerungen von Neuem mit Bestehendem: alles, was Gaia-X ausmacht, wird im Einklang mit den Gaia-X-Prinzipien stehen, und zwar auf transparente und überprüfbare Weise“. Dabei wird die Einhaltung der Vorschriften die einzelnen Services und nicht die Anbieter betreffen, wobei ein automatischer Mechanismus zum Zuge kommt, der von der Infrastruktur selbst validiert wird. VMware ist aktiv am Projekt beteiligt und bereits kompatibel.

Jeder erhält einen Platz am Tisch

Im Interview mit Cloudprovider.biz (Netzwerk von VMware und Digital360 Group) spricht CEO Francesco Bonfiglio zunächst über ein Schlüsselelement des Angebots der Gemeinschaftsinitiative: „Gaia-X wurde als Regierungsprojekt ins Leben gerufen, ist aber schnell zu einem internationalen, gemeinnützigen Zusammenschluss herangewachsen und steht daher allen offen. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass nur europäische Mitglieder im Verwaltungsrat sitzen, aus dem einfachen Grund, dass wir die europäischen Grundsätze fördern. Wie jeder, der seine Prinzipien und Gesetze verteidigen möchte, wollen auch wir sicherstellen, dass die Gründungsziele der Gemeinschaftsinitiative nicht untergraben werden. Allerdings werden alle großen globalen Service Provider bei Gaia-X mit am Tisch sitzen: Microsoft, Google und Alibaba, zum Beispiel. Es entstehen Hubs in Korea, Japan, China und Südamerika, die zu einer weltweiten Initiative heranwachsen sollen. Wir ziehen keine Mauern hoch. Es wäre der falsche Ansatz, etwas zu entwickeln, das es ausschließlich in Europa gibt. Denn es nicht sinnvoll ist, etwas nachzubauen, das andere bereits aufgebaut haben.

Eine horizontal verteilte und skalierbare Cloud

Wenn es Gaia-X gelingt, das Projekt in der kurzen sich selbst gesetzten Zeit zu realisieren – und davon ist Bonfiglio überzeugt –, dann weil es die Idee eines verteilten, horizontal skalierbaren Cloud-Modells erfolgreich umsetzen wird. „Datenverarbeitung, Speicherung, Vernetzung, Sicherheit und künstliche Intelligenz müssen so dezentralisiert wie möglich sein, da die Cloud aus vielen miteinander kommunizierenden Knotenpunkten bestehen muss. Dabei geht es sicherlich darum, etwas Neues zu erschaffen, das mit den bestehenden, hyperkonzentrierten Architekturen nicht möglich ist. Es geht aber auch darum, dies in einer integrativen Form umzusetzen.

Der CEO geht weiter auf den Punkt ein: „Diejenigen, die hinterfragen, warum Gaia-X weder amerikanische noch chinesische Akteure ausgeschlossen hat, sollten sich vielmehr die Frage stellen, warum Gaia-X sie mit einbezogen hat und warum diese beschlossen haben, in die Zusammenarbeit mit Gaia-X zu investieren. Die Antwort ist einfach: Die Betreiber müssen die Bedürfnisse ihrer Kunden verstehen. Diese Kunden sind dieselben, die bei uns mit am Tisch sitzen. Die Hyperscaler sind also genauso an dem Projekt interessiert wie wir, und sie werden wahrscheinlich eine wichtige Entscheidung treffen müssen, wenn Gaia-X zu einem De-facto-Standard wird, der möglicherweise nicht mit den von ihnen entwickelten Architekturen kompatibel ist. Es wird eine gewisse Zeit dauern, diese Architekturen anzupassen, aber für Europa wird das von Vorteil sein“.

Auf dem Weg zu einer europäischen Datenökonomie

Gaia-X begann als deutsch-französisches Projekt mit zunächst 22 Gründungsunternehmen, 11 französischen und 11 deutschen, im September 2020. Nach der Entscheidung, Mitglieder aus anderen Ländern aufzunehmen, waren im Juni 2021 offiziell 270 Unternehmen mit dabei. „Unternehmen aus verschiedenen Sektoren“, erklärt Bonfiglio, „und aus 25 verschiedenen Ländern, die alle ein einziges Ziel verfolgen: die Definition einer neuen Generation von Dateninfrastrukturen, die die Schaffung von Datenräumen erleichtern, die eine numerische Darstellung der uns umgebenden sozialen, industriellen und natürlichen Ökosysteme darstellen. Die gemeinsame Nutzung erfolgt über eine technologische Infrastruktur, über die Cloud. Ohne die Cloud gäbe es keine Plattformen oder Berührungspunkte zwischen Daten und Technologien. Ohne Plattformen könnten die Daten nicht genutzt werden, daher würde keine digitale Wirtschaft entstehen“.

In diesem Zusammenhang geht Bonfiglio auf die digitale Datenökonomie ein: „Durch Gaia-X wird die Datenökonomie in Europa wiederbelebt, indem eine sichere, souveräne und transparente Infrastruktur geschaffen wird, die auf den Grundsätzen der Souveränität, der Freiheit des Datenverkehrs, der Anbietergarantie sowie der Qualität und Sicherheit für den Technologiekunden beruht. Dies soll mithilfe eines Systems geschehen, das die Verbindung bereits bestehender Infrastrukturen ermöglicht, ohne dass neue geschaffen werden müssen, und zwar im Rahmen eines föderierten Modells. Dies steht im Kontrast zu den derzeitigen hyperkonzentrierten Cloudarchitekturen, durch die Europa rechtlichen und wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt ist.“

Weltmarkt

Die Gemeinschaftsinitiative arbeitet an der Verwirklichung digitaler Souveränität in Bezug auf die Datenverwaltung und die Verringerung der Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien. Das erklärte Ziel ist jedoch die Förderung von Datenökonomien sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas. „Wir denken, dass Gaia-X innerhalb von fünf Jahren weltweit auf dem Markt vertreten sein wird. An diesem Punkt werden sich alle entscheiden müssen: Europa, das weniger investiert hat, hat größeren Aufholungsbedarf, kann aber sein Modell auch leichter ändern. Wir werden wahrscheinlich auf Augenhöhe mit den derzeitigen großen Cloudanbietern in den Wettbewerb treten.“

Austausch und Anwendungsbereiche

Inzwischen haben sich Gaia-X über 40 italienische Unternehmen angeschlossen, Tendenz steigend. „Innerhalb des Gaia-X-Ökosystems bilden alle Hubs vollständig eigenständig verwaltete Organisationseinheiten“, betont Bonfiglio, „die an Datenräumen arbeiten, um Möglichkeiten der gemeinsamen Datennutzung zu untersuchen, die einen Mehrwert bieten. Ein weiterer großer Pluspunkt ist ihre Vernetzung mit den lokalen Behörden. Der italienische Hub arbeitet mit dem Ministerium für den digitalen Wandel zusammen, und der Stabschef, Stefano Firpo, gehört dem Lenkungsausschuss an. Der italienische Hub hat sich entschieden, sich auf spezifische Bereiche wie das Gesundheitswesen, aber auch auf ausgefallenere Bereiche wie Tourismus und Kultur zu konzentrieren. Doch erst durch den Austausch zwischen den verschiedenen Hubs wird ein Mehrwert geschaffen, und die einzelnen Initiativen stehen allen Akteuren in Europa offen. Wir gehen davon aus, dass die einzelnen Hubs in den jeweiligen Ländern eigene Anwendungsfälle und -bereiche erarbeiten und diese mit anderen teilen werden. Das föderierte Modell, auf dem Gaia-X fußt, ist gleichbedeutend mit einer Kooperationslogik, bei der sich die verschiedenen Mitglieder zusammenschließen; mit anderen Worten, ohne kooperationsbereite Akteure gibt es kein Gaia-X-Projekt“.

Wir gehen davon aus, dass die ersten Services bis Ende des Jahres zur Verfügung stehen und wir dann ein exponentielles Wachstum sehen werden, sofern zwei Bedingungen erfüllt sind:

Erstens muss die Roadmap einem straffen Zeitplan folgen. „Ich bin überzeugt, dass die ersten Gaia-X-Projekte bis Ende des Jahres anlaufen. Die Federation Services, die im Einklang mit den vier Prinzipien Identität und Vertrauen, Souveränität, Katalogmanagement und Compliance stehen, die den Kern der Infrastruktur bilden, werden in ihrer ersten Version bis Ende des Jahres veröffentlicht. Wir erstellen nicht nur schriftliche Unterlagen, sondern auch Programmcode, der offen und für jedermann zugänglich sein wird. Ab dem nächsten Jahr rechne ich mit der Entwicklung von Gaia-X-Katalogen, zunächst für vertikale und dann für horizontale Datenräume.

Zweitens müssen wir in fünf Jahren vom Push zum Pull übergehen. „Mein Ziel ist es, Gaia-X in den ersten zwei Jahren auf den Markt zu bringen, und wenn das funktioniert, wovon ich überzeugt bin, dann wird der Markt die entsprechende Nachfrage schaffen. Wenn eine Nachfrage entsteht, wächst der Markt exponentiell. Dadurch können europäische Clouds global von derzeit vier Prozent auf zehn Prozent wachsen und mit der Gaia-X-Plattform mindestens dreißig Prozent des Datenmarkts in Europa erobern. Die Voraussetzungen sind gegeben: Wir können auf die Unterstützung der Regierungen zählen und wir realisieren ein einziges Projekt, nicht Hunderte. Bei uns können sich die Technologieanbieter an einen Tisch setzen und miteinander diskutieren: So etwas hat es noch nie gegeben. Wir stehen zwar noch am Anfang, doch die Voraussetzungen sind alle gegeben.

Was könnte die Initiative noch von ihrem Weg abbringen? „Zeit. Unsere Wirtschaft kann nicht stillstehen, bis wir etwas Neues geschaffen haben. Bis es eine Alternative gibt, müssen wir die wenigen verfügbaren Technologien nutzen. Es besteht also die Gefahr einer technologischen Blockade. Es wäre äußerst problematisch, großartige Anwendungsszenarien aufzuzeigen und sie dann auf einer Infrastruktur implementieren zu müssen, die nicht zu Gaia-X gehört. Das andere Problem hängt mit der Gesellschaftsform von Gaia-X zusammen. Da es sich um eine Gemeinschaftsinitiative und nicht um ein Unternehmen handelt, müssen wir alle Meinungen und Erwartungen der einzelnen Länder in Betracht ziehen, die nicht so einfach unter einen Hut zu bringen sind.

Vorteile von Gaia-X für lokale Cloudanbieter

Durch die Teilnahme an Gaia-X kann ein lokaler Cloudanbieter von zahlreichen Vorteilen profitieren. „Der erste Vorteil für einen lokalen Anbieter besteht darin, dass er sich mit anderen lokalen und europäischen Anbietern zusammenschließen kann, um ein viel leistungsfähigeres Angebot auf die Beine zu stellen. Es besteht also – so Bonfiglio – eine große Chance für kleinere Anbieter, sich mit den Großen an einen Tisch zu setzen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir allen die gleichen Chancen geben, auch durch die Bildung von Konsortien. Bei uns sind auch Start-ups vertreten, die ihre Technologie zur Verfügung stellen, weil sie wissen, dass sie dadurch sichtbarer werden können.“

Der CEO von Gaia-X ergänzt noch weitere Aspekte: „Technologieanbieter haben einen großen Vorteil, denn auch sie sind von dem Phänomen der Hyperscaler und der von diesen ausgehenden Marktkontrollen betroffen. Die Anbieter von Hardware, Betriebssystemen, Datenbanken oder Virtualisierungssystemen wissen sehr gut, dass Cloudanbieter zur Wahrung der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit komplett maßgeschneiderte Infrastrukturen und Architekturen entwickeln mussten. Gaia-X bietet Technologieanbietern stattdessen den idealen Standort und einen eigenen wettbewerbsfähigen Markt, den sie sonst durch die übermäßige Anbieterkonzentration verlieren könnten.“

 Technologie von VMware bereits mit Gaia-X kompatibel

VMware ist Teil des Projekts. „VMware unterstützt die Initiative bereits, gemeinsam mit vielen anderen Partnern. Dies stellt  eine Schlüsselkomponente der Wertschöpfungskette dar, die wir aufbauen. Mit Gaia-X sollen keine bestehenden Lösungen nachgebaut werden. Es geht vielmehr darum, eine zusätzliche Ebene aufsetzend auf bestehenden Technologien zu entwickeln, von der Hardware bis zu Betriebssystemen, Datenbanken, Virtualisierungslösungen und Containern. VMware ist eine der ersten Technologien, die den Bedarf an multiplen und hybriden Clouds und die Notwendigkeit, Workloads von einem Knoten auf einen anderen zu verlagern, verstanden hat und daher die Prinzipien der Interoperabilität und Portabilität, die zu den Eckpfeilern von Gaia-X gehören, als erste am Markt umsetzen konnte.“

Bonfiglio fügt hinzu: „Technologische Lösungen wie VMware sind von Haus aus mit Gaia-X kompatibel, da sie die Umsetzung der Prinzipien ermöglichen, insbesondere Portabilität, Reversibilität und Interoperabilität, die für die von uns implementierte Architektur erforderlich sind. Die Gaia-X-Architektur überschneidet sich nicht mit bestehenden Architekturen. Ziel ist nicht, europäische Virtualisierungstechnologien zu entwickeln oder US-Technologien zu ersetzen, sondern bestehende Technologien zusammenzuführen, sofern sie mit den Anforderungen von Gaia-X kompatibel sind. Einige technologische Lösungen, wie z. B. die von VMware, lassen sich leichter implementieren, da sie nicht direkt mit Daten arbeiten. Wenn Daten zur Verfügung gestellt werden, können zusätzliche Probleme auftreten. Ohne einen transparenten Zugang zu den Daten wird sich die Einführung von Technologien schwieriger gestalten.“

Ein vollumfassender Technologieansatz

„Wir stellen Anforderungen“, sagt Bonfiglio, „an die sich jeder Anbieter anpassen muss. Aber das Vertrauen in die Technik ist größer als das Vertrauen in den Menschen. Wir zielen mit Gaia-X darauf ab, vertrauenswürdige Architekturen zu schaffen, die in keiner Weise vom Menschen korrumpiert werden können. Deshalb stellen wir vollständig automatisierte Zertifizierungsmechanismen zur Verfügung. Die Kompatibilität bestimmter Technologien oder die Möglichkeit, Gaia-X-Services bereitzustellen, wird weder von den Anbietern selbst zertifiziert noch von der Vereinigung definiert: Die Architektur ermöglicht dies vielmehr selbst. Jeder kann Technologien für Gaia-X entwickeln, wenn diese kompatibel sind. Die Grundsätze von Gaia-X werden im Rahmen des Gaia-X-Projekts definiert. Dabei werden wir jeden Service qualifizieren, der im Einklang mit diesen Grundsätzen steht. Entscheidend ist jedoch, dass die Services qualifiziert werden, nicht die Anbieter. Niemand kann behaupten, mit Gaia-X kompatibel zu sein, aber es wird möglich sein, Gaia-X-konforme Services anzubieten, wenn diese durch die Gaia-X-Technologie selbst verifiziert werden können.“

Das Interview erschien ursprünglich auf Italienisch auf CloudProvider.biz.

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Kategorie: Neuigkeiten & Highlights

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